Kultur

Ein neues Theater für Bonn: Malentes Theaterpalast


 

Wer in den letzten Jahren die Godesberger Allee entlanggefahren oder -flaniert ist, hat zwischen dem Fitnesscenter „John Reed“ und der benachbarten Tankstelle nicht mehr als ein brachliegendes Grundstück zu sehen bekommen. Dieser Anblick gehört seit Mitte dieses Jahres der Vergangenheit an. Stattdessen staunt so mancher über den zeltähnlichen Bau mit historischer Fassade, die von Dutzenden Glühbirnen erleuchtet wird. „Malentes Theater Palast“ liest es sich über dem Eingangsbereich, der von großformatigen Malereien flankiert wird, die rechts zwei Herren mit Fliege und links zwei Damen vom Showballett zeigen – vermeintlich jedenfalls. Denn in Wahrheit sieht man auf beiden Seiten die Betreiber des „Kempisch Danspaleis“, der am 20. September seine Tore öffnet und deshalb kräftig die Werbetrommel rührt.

 

 

MIT DEM TRAUMSCHIFF AN DEN RHEIN

„Wir schenken Bonn ein neues Theater“, heißt es auf dem Programmflyer, und das muss man erstmal schlucken. In Zeiten, in denen es die freie Kultur eher schwer hat, kommen zwei Herren voller Tatendrang in die Stadt und errichten nur wenige Hundert Meter vor der Zufahrt zum Bad Godesberger Tunnel ein prunkvolles belgisches Spiegelzelt – zukünftige Spielstätte für gutgelauntes Musiktheater. „Familie Malente“ nennen sich die beiden auf der Bühne, bürgerlich heißen sie Knut Vanmarcke und Dirk Vossberg-Vanmarcke, Entertainer von Kopf bis Fuß mit einem Faible für den deutschen Schlager der Wirtschaftswunderzeit.

„Irgendwann musste Schluss sein mit dem Tourneeleben“, erklären die beiden ihre Entscheidung, als Theatermacher sesshaft zu werden. Kennengelernt hatten sie sich 1998 beim gemeinsamen Auftritt in der Kultrevue „Fifty-Fifty“ im Hamburger „Tivoli“. Getrennte Wege waren seitdem nicht mehr denkbar: Aus den beiden wurde schon bald privat und beruflich ein Paar. Die Kunstfamilie „Malente“ tauften sie in Anlehnung an ihr großes Vorbild Caterina Valente, eine der beliebtesten Entertainerinnen der goldenen Schlagerzeit („Steig in das Traumboot der Liebe“ hielt sich 1955 ganze acht Monate auf Platz eins der deutschen Charts). 15 Jahre zog es Dirk und Knut von Bühne zu Bühne – darunter auch auf die MS Europa und MS Deutschland. Beim „Traumschiff“-Dreh lernten sie Chefstewardess Heide Keller kennen, mit deren Hilfe sie bei Walter Ullrich am Kleinen Theater in Bad Godesberg landeten. Fünf Wochen lang spielten sie dort » Beobachter und Passanten vom reibungslosen und verblüffend schnellen Ablauf. „Das ist bei uns einfach die Routine aus jahrzehntelanger Erfahrung“, erklärt Klessens. „Da sitzt jeder Handgriff, sonst ist das auf einem Festival, wo alles sehr schnell gehen muss, nicht zu schaffen.“ Besucher des benachbarten Fitnesscenters jedenfalls ließen am ersten Aufbautag ihre Geräte stehen, machten es sich an den offenen Fenstern gemütlich und schauten zu. Vom Dach des Gebäudes aus ließen die Malentes den Ablauf filmen. „Sowas muss man einfach im Bild festhalten“, schwärmt Knut Vanmarcke. „Zum Glück haben wir einen sehr lieben Freund, der sich da auskennt und das für uns gemacht hat.“

 

STRAMMER ZEITPLAN UND JEDE MENGE ARBEIT

Doch mit dem Aufbau war es keineswegs getan. Technik, Innen- und Außendekor, Bestuhlung, die Pflasterung des Eingangsbereichs – ein strammer Zeitplan von knapp drei Monaten lag noch vor den Beteiligten. Zudem war der Beginn der Proben für den 1. September vorgesehen. Anfang August dann reiste Bühnenbildnerin Anja Kleinhans an, um den Theaterpalast in einen nostalgischen Stil zu kleiden. Sie gehört seit langem zum angestammten Team der Malentes und weiß, was den beiden gefällt. Mit Schlagmetall vergoldete sie einzelne Elemente, die Wände wurden mit Tapeten im Stil des Art Deko verschönt. Schon bald war selbst die Decke des Toilettenbereichs in einen glitzernden Sternenhimmel verwandelt. „Wir haben in Anja vollstes Vertrauen und hören gerne auf ihre Vorschläge“, betont Knut. „Im Art Deko kennen wir uns weniger gut aus als in der Wirtschaftswunderzeit. Da ist sie der Profi.“ Das ist sie dann auch beim Kulissenbau, ihrem nächsten Aufgabenbereich. Schließlich galt es, die Bühnenbilder für die ersten beiden Stücke vorzubereiten. Neun Wochen waren dafür übrig. Manch anderer würde da in Panik geraten, doch die Malentes haben die Ruhe weg. Man sei absolut im Zeitplan, hieß es immer wieder. Sie sollten Recht behalten.

 

EIN SEGEN FÜR DIE STADT – UND EIN KLASSIKER ZUM AUFTAKT

Bereits am 2. September gab es den ersten Applaus: 150 geladene Gäste – darunter Oberbürgermeister Ashok Sridharan – erlebten die Einsegnung des Theaters durch Pfarrer Wolfgang Picken und Pfarrer Heiner Dresen, einen alten Freund und Weggefährten der Malentes. Erstmals gab es das Spiegelzelt in voller Bestuhlung zu sehen, fast so, als wäre alles schon fertig. Doch trotz feierlicher Atmosphäre blieb der Sonntag mit dem ersten „echten“ Publikum nur eine Zwischenstation. Am nächsten Tag waren Stühle und Tische schon wieder weggeräumt, um weiterarbeiten zu können.

Für die Eröffnung am 20. September haben die frischgebackenen Theatermacher einen Malente-Klassiker ausgewählt: „Mit 17 hat man noch Träume“ heißt die Schlagerrevue, die den beiden längst in Fleisch und Blut übergegangen ist. Auch soll sie den Bonnern eine Idee davon vermitteln, was den neuen Theaterpalast inhaltlich ausmacht. „Wir sind kein Varieté wie das G.O.P. und machen auch kein Kabarett wie das Pantheon oder die Springmaus“, betonen die beiden. „Wir bieten etwas, das es so in Bonn sonst nicht gibt: gutgelauntes Musiktheater mit nostalgischem Charme.“ Für eingefleischte Malente-Fans ist das eine Selbstverständlichkeit. Von denen gibt es übrigens eine ganze Menge. Mehrere Busunternehmen organisieren bereits spezielle Touren an die B9 und die Buchungslage ist enorm. „Wir haben das auf unserer Abschiedstournee eigentlich scherzhaft gemeint, wenn wir dem Publikum vorschlugen, doch ein lokales Busunternehmen zu einer Reise nach Bonn zu bewegen“, erinnert sich Dirk. „Dass das so einschlägt, hat uns selber überrascht.“

 

BUNTES PROGRAMM

Fünfmal wechselt das Programm in der ersten Saison. Vom 22. November bis 18. Februar darf man sich den Operettenklassiker „Im Weissen Rössl“ freuen, den die Hausherren mit einer guten Portion Augenzwinkern und Kurt in der Rolle der Wirtin auf die Bühne bringen. Danach folgen drei musikalische Gastspiele: ab dem 6. März das einzige Europa-Gastspiel des australischen Gesangstrios „The Fabulous Singlettes“, ab dem 15. April eine Hommage an den „Mythos Marlene“ und ab dem 1. Mai die Udo-Jürgens-Show „Aber bitte mit Dame“. Am 16. Mai stehen die Malentes dann wieder selber im Rampenlicht. Mit der Travestie-Komödie „Ganze Kerle“ gibt Dirk Vossberg-Vanmarcke zudem seinen Bonner Einstand als Regisseur.

Doch auch wenn sie gerade nicht selber spielen, wollen sie jeden Abend vor Ort sein, die Gäste begrüßen und für einen Plausch zur Verfügung zu stehen. „Es ist uns wichtig, dass die Leute das Theater mit uns identifizieren“, sagt Knut. „Jeder soll sich persönlich willkommen fühlen.“ Am Programm für die Saison 2019/20 wird übrigens bereits fleißig gearbeitet.

Artikel von www.top-magazin.de/bonn